Widerstandsfiguren, oder: «Frei – nach dem Motto: Wer eine Scheibe einschmeisst, kriegt Freibier!»

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«Was ist Widerstand? Die Kunst, nicht dermassen regiert zu werden.» (Michel Foucault)

Sich die Widrigkeiten der Welt zu vergegenwärtigen verlangt einiges an Standfestigkeit, sofern man versucht, darob nicht gleich den Verstand zu verlieren (oder zumindest am Verstand anderer zu zweifeln). «Jaja», murmeln an dieser Stelle die Altersweisen: «Das Leben, oder besser gesagt: ein Leben ist nun mal keine gradlinige Entwicklungsgeschichte, sondern steckt voller Widersprüche, Fallstricke und Rückschläge.» (Einschub, frei nach Jean Ziegler: Sonst hätte die neoliberale Weltordnung uns längst den erhofften globalen Fortschritt beschert, anstatt allenthaben den Eindruck zu hinterlassen, dass wir uns auf direktem Wege zurück in die Zukunft eines Feudalismus 2.0 bewegen.)

Umso mehr verstärkt sich dagegen, je älter man wird, scheinbar der Eindruck, dass sich einzelne Lebensabschnitte wiederholt auf absonderliche, ja absurde Weise zyklisch ineinander verketten, und dabei gewisse, vermeintlich längst beantwortete Fragen oder gelöst gewähnte Probleme, so stetig wie das sprichwörtliche Stehaufmännchen,  kaum vermeintlich verflossen unverdrossen wiederauftauchen. Klar: Jeder Abschnitt bleibt natürlich für sich einzigartig, jedoch findet man sich, ähnlich einem Escher-Bild, am Ende irgendwie doch regelmässig am selben (oder zumindest einem ähnlichen) Punkt wieder wie Jahre zuvor.

(*Regieanweisung: Lachkonserve aktivieren*, oder etwas poetischer formuliert: *Irgendwo in der Ferne einer anderen Dimension lachen Buddha und Hindu gerade herzlich über diese wenig neue Erkenntnis*)

Gilt also frei nach Goethes Faust (und der Devise ‘Millionen mit der Lektüre malträtierte Maturanden können nicht umsonst gelitten haben’): «Da steh ich nun ich armer Tor / Und bin so klug als wie zuvor?» Wenigstens nicht ganz, wenn man sich an den guten alten Nietzsche hält (was ich bekanntlich gern und oft tue). Denn nicht umsonst war die «ewige Wiederkunft» für ihn eigentlich die Grundlage höchster Lebensbejahung. Schliesslich meint ‘zyklisch’ ja nicht, dass man stets im selben (Teufels-) Kreis feststeckt (neudeutsch: ‘same shit, different day’), sondern dass man sich im Leben vielmehr in einer Art ‘Spirale’ (hoffentlich nicht nur abwärts) fortbewegt.

Quasi, zweckoptimistisch formuliert: Die ehemalige Spiral-Bindung einer schweisstriefend und übernächtigt in letzter Sekunde kurz vorm Nervenzusammenbruch noch abgegebenen Abschlussarbeit könnte sich hier im Web 2.0, wo jeder ein Autor ist, sofern ihm in seinem virtuellen Speaker’s Corner ein paar Gutmeinende und Geduldige (oder auch nur Gelangweilt-auf-den-Bus-wartende) Aufmerksamkeit schenken, potentiell unversehens in eine Spirale inspir(al)i(si)erender Anschlüsse verwandeln.

Deshalb habe ich mich (frei nach dem Motto: ‘Ein Versuch ist’s wert, und sonst tröste ich mich mit der pessimistischen Attitüde, ich hätte es ja sowieso immer schon besser gewusst’) dazu entschlossen, meine Lizentiatsarbeit hier (voll unüberarbeitet und ganz ‘Creative Commons)’ ins Netz zu stellen, bevor mein Notebook die alte CD-ROM demnächst dann eh nicht mehr lesen mag.

«Who Cares?» fragt sich spätestens hier der Berufszyniker zu Recht – oder galanter formuliert: «Worum geht’s denn – und warum sollte mich das überhaupt interessieren?» Ganz einfach gesagt geht’s darin um die grundsätzliche Frage, wie Widerstand möglich ist; oder etwas genauer: Inwiefern man in unserer heutigen Gesellschaft wenigstens theoretisch noch so etwas wie Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse leisten kann.

Die «Antwort» (in Anführungszeichen; denn eine abschliessende Antwort auf diese Frage kann man natürlich nicht geben) kommt hier möglicherweise für manche allzu abstrakt und eher elfenbeinfarben daher. Und ist, so aus der Distanz, bestimmt auch nicht voll und ganz über jeglichen Zweifel erhaben. (Apropos: Wer Hilfe beim Verständnis des teils eher anspruchsvollen theoretischen Duktus braucht, soll sich bitte jederzeit unverblümt melden!)

Auch wenn die meisten theoretischen Entwürfe zwar zumindest als ‘praktischer Handlungsleitfaden’ unmittelbar jedem Selbsthilfe-Ratgeber und erst recht jeder ‘How To’-Blog-Charta (‘tl, dr’-Fraktion, I’m looking at you!) gegenüber hoffnungslos unterlegen scheinen: Ich bin trotzdem überzeugt, dass der Umweg über die Philosophie längerfristig nachhaltigere Ansätze bietet, um angesichts einer zunehmend aus den Fugen geratenen Welt nicht gleich völlig zu verzweifeln.

Warum? Diese Frage würde ich gerne mit einem der persönlichen Lieblingszitate meiner Liz-Arbeit beantworten:

«A concept is a brick. It can be used to build the courthouse of reason. Or it can be thrown through the window.» (Massumi in Deleuze/Guattari TP: xiii)

Der erste, der also – von dieser Arbeit beflügelt oder zumindest (teil- oder mit-)inspiriert – irgendjemandem irgendwo ein betonhart widerständiges Konzept durch die Scheiben schmeisst, bekommt von mir Freibier spendiert – versprochen! Schliesslich sagt man nicht umsonst im Volksmund so schön: «Scherben bringen Glück.» Beim unermesslichen Scherbenhaufen, der sich derzeit vor unseren Augen global aufzutürmen scheint, bleibt nur abschliessend zu sagen: Hoffentlich. Ansonsten: Scheibenkleister.

Lizentiatsarbeit als PDF (Creative Commons, kein Common-Creative-Copy-Paste!):

«Widerstandsfiguren»

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