Die Kunst der Ekstase

Vor einiger Zeit fiel mir mehr oder weniger zufällig Nietzsches erstes Buch «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik» in die Hände. Es ist das Werk, mit dem sich Nietzsche die Chancen auf eine klassische universitäre Karriere endgültig verspielte, und das heute als kaum mehr gelesenes Frühwerk meist höchstens noch als Fussnote und Randnotiz in Erscheinung tritt.

Worum geht es? Nietzsche stellt sich darin die Frage, warum ausgerechnet die griechische Tragödie eine so fundamentale Rolle für unsere westliche Zivilisation spielt. Sehr vereinfachend gesagt, ist Nietzsche der Ansicht, dass sich die tragende Rolle der Tragödie nicht aus den übrig gebliebenen, dramatischen Texten erschliessen lässt, sondern dass man sich die griechische(n) Tragödie(n) vielmehr als ein performatives Ritual vorstellen muss, dessen Grundlage die Musik bildete, und dessen Texte (aufgrund fehlendem Transkript der dazugehörenden Musik) nur einen kleinen Einblick in das Wesen der Tragödie (über-) liefern (und bestimmt nicht das, was ihre zentrale Stellung erklärt). Mindestens so sehr, wie in der Tragödie kulturelle Ereignisse und religiöse Heldenmythen verhandelt wurden, war die Aufführung der Tragödie nämlich ein rauschhaftes, ekstatisches Fest.

Ein Fest, dessen zentrale Position sich dadurch ergab, dass darin der Gegensatz zwischen den für Nietzsche fundamentalen Prinzipien jeder Kunst und Kultur auf fruchtbare Weise verbunden wurde: das Prinzip das Apollinischen und des Dionysischen. Während ersteres (frei nach Apollon, dem Gott von Kunst und Kultur) als hohe «Kunst des Scheins» quasi durch die ‘Illusion der Kunst’ eine gewisse Klarheit über das menschliche Dasein hervorbringt, und damit ungefähr dem, was wir bis heute als ‘hohe Kunst’ verstehen, entspricht, bewirkt das Dionysische (frei nach Dionysos, dem Gott des Rausches) das Gegenteil: den Verlust der Klarheit und die Verschmelzung der Individualität in der Ekstase.

Für Nietzsche bedeutet letzteres, die (tatsächliche) Wirklichkeit des Lebens via Rausch soweit zu erfahren, wie es einem Menschen überhaupt möglich ist, ohne von ihr zerstört also physisch oder psychisch versehrt zu werden: Es geht darin um die intensivste Wahrnehmung von Vergnügen und Schmerz, die einem Menschen ohne schwerwiegende Folgen zugänglich sind. Um dessen destruktives Element in Schach halten zu können, ist dabei die Form des Dionysischen zentral: Es muss in Rituale eingebettet und damit gewissermassen ‘gebändigt’ werden.

In der Form der Tragödie, worum es Nietzsche hierbei ja als konstitutive(n) Text/Teil unserer Kultur beispielhaft geht, opfert man deshalb am Ende des Rituals rituell den Helden des Narrativ, um den Zuschauern/Mitwirkenden einerseits sowohl die Erfahrung der Katharsis, gleichzeitig aber auch eine rituelle Schliessung und damit die Rückkehr in den ‘Alltag’ zu ermöglichen.

Eingebettet in diese rituelle Form, führt die Tragödie daher – trotz der Entfesselung des ‘Dionysischen’ darin – nicht ins Chaos, sondern stärkt umgekehrt paradoxerweise durch die Intensität der gemeinsam erlebten Ekstase das Gemeinschaftsgefühl unter den Teilnehmern selbst. Das ‘Dionysische’ wirkt durch seine rituelle Form also schlussendlich nicht destruktiv, sondern gemeinschafts- und gesellschaftskonstituierend – ein so paradoxer wie fundamentaler Prozess, den – wie jeder Anthropologe bestätigen kann – jede menschliche Zivilisation seit der Steinzeit als fundamentales, gemeinschaftsstärkendes Prinzip kennt.

Die Ekstase wird in der Tragödie laut Nietzsche wiederum nicht durch Text, sondern durch Musik erzeugt: die Tragödie selbst (als narratives Element) ist zwar Teil der Verschmelzung, aber ihre Wichtigkeit eher formal, d.h. als Teil der (apollinischen) Form zu sehen: Als Form, welche die Ekstase als formlosen Wirbel von Schmerz und Lust einbettet, und damit umgekehrt erst für ihren (verhältnismässig ungefährlichen) Rahmen sorgt. Warum aber an dieser Stelle dieser für viele sicherlich ‘hochphilosophisch’ anmutende Exkurs über die Kultur der Antike?

Ganz einfach: Mir scheint, Nietzsche habe mit dieser Erkenntnis gewissermassen den Nagel auf den Kopf getroffen. Dass ausgerechnet dieses Buch von Nietzsche bis heute so wenig rezipiert, also gelesen und diskutiert wird, liegt meiner Meinung nach gerade darin begründet, dass ‘Kunst’ bis heute zumindest im gesellschaftlichen Konsens mit dem ‘apollinischen Prinzip’ gleichgesetzt wird, und das ‘dionysische Prinzip’, das für eine jede Kultur mindestens ebenso zentral und fundamental ist, aufgrund dessen roher, potentiell gefährlicher und zerstörerischer Kraft, negiert, tabuisiert oder wenigstens als Folge oder Nebenwirkung banalisiert wird.

Genau darum scheitern aber die meisten Kulturtheorien meiner Meinung nach schlussendlich darin, den zentralen Stellenwert der Kunst, insbesondere der Musik in der menschlichen Gesellschaft überzeugend zu erklären. Und deshalb scheitern auch die meisten Erklärungsversuche dabei, ein Phänomen wie Techno, dessen Emphase so klar auf dem Dionysischen liegt, adäquat zu deuten, sondern schwanken zwischen dem Versuch, Techno in eine (wenig überzeugende) hochkulturelle, künstlerische Form zu pressen, oder als blosses, degeneratives Element der ‘niederen Künste und Instinkte’ abzuwerten.

SIE KÖNNEN ES UNTER IHREN PRÄMISSEN SCHLICHT NICHT VERSTEHEN, DENN SIE BEGREIFEN NICHT, WORUM ES DABEI GEHT. Die Erkenntnis, dass Ekstase nicht nur ein irrationales Bei-Produkt der Kultur ist, sondern umgekehrt gerade in ihrer rituellen Form die Grundlage von Kunst und Kultur überhaupt (!) bilden könnte – und Ekstase damit mindestens genauso ihre eigene Geschichtsschreibung, Genealogie und wissenschaftliche Forschung, also einen gesonderten Stellenwert in der Gesellschaft verdient hätte wie ‘Kunst’ – wird dabei (vorab aus politischen aber auch aus unglaublich naiven pseudo-kulturellen Gründen) bisher meist ausgeblendet.

Darum soll dieser Blog (gewissermassen als Antidot) voll und ganz der Kunst der Ekstase gewidmet sein – jener Kunst nämlich, die unser Leben schlussendlich mit Magie erfüllt.

Lila ❤

 

PS. Warum habe ich gerade einen Track von Portable zum Titel gewählt? Weil es Portable wie kaum einem zweiten gelingt, Form und Inhalt kreativ zu verschmelzen. Die Ekstase, die seine Tracks durch sehr ‘schamanistische’ und von seiner Auseinandersetzung mit den Stammeskulturen Südafrikas inspirierte, musikalische Elemente bewirken, werden bei ihm (im Gegensatz zu seinem eher im engeren Sinne ‘rituell’ orientierten ‘Bodycode’-Alias) nämlich vorab durch apollonische Elemente, sprich: sakrale, also spirituelle Mantras, in eine produktive Form gebracht.

Kurz: Die Ekstase entfaltet durch ihre Einbettung in dieses spirituelle, gemeinschaftserzeugende Narrativ gewissermassen tröstende, wenn nicht gar heilsame, kathartische Wirkung für jeden einzelnen Zuhörer/Tänzer – und ist damit, wie die oben behandelte Tragödie ein wunderbares Beispiel für die positiven, produktiv-kreativen Folgen künstlerisch-kultureller Artefakte, die seit Anbeginn der menschlichen Zivilisation existieren.

Die Kernaussage: Man braucht unser Leben nicht noch zusätzlich mit quasi-hochkulturellem oder pseudo-religiösem ‘Sinn’ (sprich: Bullshit!) zu erfüllen – denn unsere Kultur ist durch den fundamentalen Zwiespalt von apollinischem und dionysischem Prinzip (von den anderen, noch viel fundamentaleren, ‘natürlichen’ Prinzipen abgesehen, von denen hier später sicher noch mehr als genügend die Rede sein wird) schon mehr als genügend mit ‘Sinn’ erfüllt.

Deshalb – beziehungsweise,

in diesem Sinne: LIFE MAGICALLY IS.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.